Interview Neues

„Die Barrieren sind in unseren Köpfen“ – Henriette Reker

Ingrid Dirks (ID), Sarah Mambrini (SM) und Dirk Stauber (DS) leben im Betreuten Wohnen. Sie besuchten die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker (HR) in ihrem Amtsbüro im Rathaus. Sie wollten wissen, wie weit Köln in der Umsetzung der UN-Behinderten-Rechts-Konvention ist. Es wurde ein reger Austausch über den Stand der Dinge.

THEMA WOHNEN

(ID) Werden neue Wohnungen in Köln behindertengerecht gebaut?

(HR) Seit Januar 2019 gibt es ein neues Landesgesetz der Landesbauordnung. Und dieses Gesetz sagt, dass wenn mehr als zwei Wohnungen gebaut werden, alle Wohnungen barrierefrei sein müssen. Barrierefrei ist allerdings nicht das Gleiche wie rollstuhlgerecht. Und da gibt es noch Nachbesserungsbedarf, weil auch Menschen mit Rollstühlen die Möglichkeit haben müssen, in allen Stadtteilen zu wohnen.

(ID) Ich möchte im Alter in einer WG leben. Sind weitere Mehrgenerationenhäuser geplant?

(HR) Auch ich möchte im Alter in einem Mehrgenerationenhaus wohnen. Wir haben im Moment sechs Mehrgenerationenwohnhäuser in Köln. Und zwei werden gerade neu geplant, eins im Waldbadviertel in Ostheim und eins in Kalk. Aber mein Ziel ist es, dass wir in jedem Stadtbezirk mindestens ein Mehrgenerationenwohnhaus haben. Ich glaube aber, auch das wird auf Dauer nicht reichen, weil der Bedarf immer größer und diese Wohnform immer beliebter wird. Ganz grundsätzlich möchte ich sagen: Die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung sind räumlich und praktisch andere, weil zum Beispiel ein Rollstuhl oder andere Hilfsmittel für die Mobilität mehr Platz brauchen. Aber sonst haben wir die gleichen Ziele. Wir wollen alle selbst bestimmen, wo wir wohnen und mit wem wir wohnen. Leider haben wir aber insgesamt zu wenige Wohnungen in Köln, die auch für Menschen mit geringeren Einkommen bezahlbar sind.

„Wir haben im Moment sechs Mehrgenerationenwohnhäuser in Köln. Und zwei werden gerade neu geplant, eins im Waldbadviertel in Ostheim und eins in Kalk. Aber mein Ziel ist es, dass wir in jedem Stadtbezirk mindestens ein Mehrgenerationenwohnhaus haben.“

Henriette Reker

THEMA MOBILITÄT

(ID) Ich kann nur ein- und aussteigen, wenn es barrierefreie Haltestellen sind und wenn es einen Aufzug gibt. Aber viele Haltestellen sind nicht barrierefrei. Wird sich das in Köln ändern?

(HR) Der Rat der Stadt Köln hat 2017 beschlossen, dass bis 2022 alle KVB-Haltestellen und auch die öffentlichen Verkehrsmittel barrierefrei sind. Diese Barrierefreiheit ist auch für Mütter und Väter mit Kinderwagen sowie für ältere Menschen, die mit einem Rollator unterwegs sind, notwendig.

(ID) Sehr häufig sind die Aufzüge am Neumarkt kaputt, vor allem wenn ich zum Gleis Richtung Michaelshoven möchte.

(HR) Das ist natürlich wichtig, dass an solchen Knotenpunkten die Aufzüge funktionieren. Ich gebe das an die Kölner Verkehrs-Betriebe weiter.

THEMA LEICHTE SPRACHE

(DS) Hat die Stadt Köln einen Beauftragten für Leichte Sprache?

(HR) Wir haben keinen Beauftragten für Leichte Sprache, aber wir haben unseren Behindertenbeauftragten Herrn Dr. Bell. Wichtige Internetseiten der Stadt Köln sind in Leichter Sprache. Man kann z. B. in Leichter Sprache nachschauen, wie ein Wohnberechtigungsschein beantragt werden kann.

(DS) Was mir bei der Internetseite der Stadt Köln aufgefallen ist, dass der Button für die Gebärdensprache sehr klein ist. Kann man den Button etwas größer machen?

(HR) Das werden wir gerne prüfen.

(DS) Aber alles andere, das Vorlesen ist wunderbar.

(HR) Wir schulen auch unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Leichter Sprache. Und wir haben ein Gremium, die Stadtarbeitsgemeinschaft Behindertenpolitik. Und die habe ich wieder zu mir in den Fachbereich OB geholt. Ich habe mich sehr gefreut, dass ich da wieder hingehen kann. Früher als Sozialdezernentin war ich im ständigen Austausch. Beim nächsten Mal steht auf der Tagesordnung der Stadtarbeitsgemeinschaft Behindertenpolitik das Thema „Leichte Sprache“. Dazu möchten wir Sie, Herr Stauber, gerne einladen.

(DS) Die Grundsicherungsbescheide der Stadt Köln sind schwer zu verstehen.

(HR) Das glaube ich wohl. Das ist jetzt kein Trost, aber viele solcher amtlichen Sendungen versteht ja keiner von uns. Es ist die Realität. Als Beispiel: Mein Mann ist Australier, wenn er ein amtliches Schreiben bekommt, macht er den Umschlag gar nicht auf, da wartet er, bis ich nach Hause komme. Leider sind auch wir in Köln bei solchen Bescheiden an gesetzliche Regelungen gebunden.

Das ist jetzt kein Trost, aber viele solcher amtlichen Sendungen versteht ja keiner von uns. Es ist die Realität.

Henriette Reker

THEMA ARBEIT

(DS) Arbeiten in der Stadt Köln Menschen mit einer Behinderung?

(HR) Wir haben rund 20.000 Mitarbeiter. Ungefähr 1.500 Menschen von ihnen haben eine Behinderung. Ich arbeite seit 20 Jahren mit Menschen, die eine Behinderung haben, da hat sich viel getan. Ich finde die Integrationsbetriebe prima. Sie, Frau Mambrini, haben mir ja vorhin erzählt, dass Sie in einer Großküche arbeiten. Das finde ich großartig! In unserem Stadthaus in Kalk ist die Kantine auch von einem Integrationsbetrieb.

Ich arbeite seit 20 Jahren mit Menschen, die eine Behinderung haben, da hat sich viel getan.

Henriette Reker

THEMA FREIZEIT

(DS) Wird bei neuen Gebäuden die Barrierefreiheit berücksichtigt? Wird die Oper barrierefrei sein?

(HR) Ja, die Oper und das Schauspielhaus werden barrierefrei sein. Wichtig ist aber auch, dass wir dann darauf hinweisen, sodass möglichst viele Menschen die Kulturangebote auch nutzen werden.

(DS) Gibt es Induktionsschleifen für Hörgeräte im Rathaus?

(HR) Ja, unser Ratssaal hat Induktionsschleifen und es gibt auch die Möglichkeit, Induktionsschleifen zu verlegen, wenn wir wissen, dass eine bestimmte Veranstaltung stattfindet. Wir fragen den Bedarf in unseren Sitzungen ab. Eine Behinderung kann jeder von uns bekommen. Das müssen wir uns bewusst machen. Ich habe bei einer Veranstaltung von Entscheidungsträgern einen Film gezeigt, allerdings ohne Ton und Untertitel. Danach war allen klar, warum es notwendig ist,dass wir inklusiv denken müssen. Dann ist der Groschen gefallen. Die Barrieren sind in unseren Köpfen.

(DS) Wie der Kölner sagt: „Et hätt noch immer jot jejange“.

(HR) „Und et kütt wie et kütt.“ Ich hoffe, es hat Ihnen ein bisschen Spaß gemacht. Ich habe mich gefreut, Sie kennenzulernen. Und ich finde das ganz großartig, dass Sie sich für Ihre Themen einsetzen. Von selbst passiert nichts. Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg.

„Wie der Kölner sagt: Et hätt noch immer jot jejange“.

Dirk Stauber


Mehr zum Thema „UN-Behindertenrechtskonvention“ finden Sie in unserem M-Das Magazin Nr. 31

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