Meinung

Die beste Therapie ist das tägliche Leben

Dominik S. (25) berichtet, wie es sich mit der Diagnose Autismus-Spektrum-Störung lebt, welchen Herausforderungen er sich im Alltag stellen muss, wie er behandelt werden möchte und ob „Rain Man“ wirklich existiert.

Als ich merkte, es stimmt was nicht

Auffälligkeiten gegenüber dem neurotypischen Durchschnitt fielen so mit acht, neun Jahren in der Schule auf. Es entwickelte sich zusehend eine Abkapselung von mir gegenüber dem Klassenverband. Die damit einhergehende Ausgrenzung ging bis zum Mobbing, und das zog sich durch die ganze Schulzeit.

Mit 13 bin ich in eine Intensivwohngruppe nach Ostwestfalen mit einer 24-Stunden-Betreuung gezogen. Das bedeutete für mich, plötzlich Freiheiten zu haben, denn ich war in einer Familie aufgewachsen, in der es keine wirkliche Zuneigung und keine Liebe gab und die Erziehung im Wesentlichen darin bestand, mich einzuschränken.

Die Diagnose (ASS) erhielt ich im Februar 2009, weil eine Pädagogin Anzeichen von Asperger Autismus vermutet hatte. Wir sind sehr zügig in die Diagnostik gegangen und die Vermutung wurde bestätigt. Das war für mich natürlich erstmal ein Schock. Ich hatte immer den Wunsch nach Heilung. Wieso kann ich nicht werden wie die anderen? Es hatte sich wie eine Krankheit angefühlt, weil die Negativauswirkungen im Alltag überall präsent waren.

Rain Man und …

… Sheldon Cooper von der Serie Big Bang Theory sind zwei Stereotypen, die in der Öffentlichkeit bekannt sind. Da wären wir genau beim Thema, denn es gibt die unterschiedlichsten Ausprägungen von Autismus, von „kann sich überhaupt nicht selber versorgen“ bis zum „erfolgreichen Manager“. Daher spricht man auch von Autismus-Spektrum, und das zeigt sich bei jedem anders.

Klischees, die einem im Netz begegnen

Was mir auffällt, ist, dass sich viele Menschen mit Autismus im Internet als Opfer und Versager darstellen. Dass uns das Leben durch die gesellschaftlichen Normen schwer gemacht wird. Aber dadurch begibt man sich in eine gewisse Komfortzone, denn man setzt sich mit seinen Schwächen nicht auseinander und möchte, dass das Leben komfortabel weitergeht. Bis vor einem halben Jahr war ich ähnlich drauf. Aber durch die ganzen Veröffentlichungen in den Medien ist das Bild natürlich verzerrt. Ich werde auch oft gefragt, ob es nicht schlimm sei, mit Autismus zu leben. NEIN, es ist nicht schlimm!

Schwierigkeiten mit Gefühlen

Neben fehlender Empathie hört man diesen Punkt auch häufig. Ich habe über 40 Leute mit dem Asperger-Syndrom kennengelernt, und es sind alles Menschen, die sehr wohl Gefühle wahrnehmen und auch deuten können. Aber eben auf eine andere Art. Es gibt natürlich Merkmale, die für die allermeisten gelten, wie zum Beispiel einen Blickkontakt nicht halten zu können. Ich habe es mir angelernt und es ist mir nicht mehr unangenehm.

Small Talk überstehen

Small Talk gibt es in vielen Ausführungen, und ich kenne viele, die damit ein Problem haben, ins Stocken kommen und nicht wissen, was sie sagen sollen. Ich habe mir Skills angeeignet, wie ich das überstehe.

So möchte ich behandelt werden

Ich möchte, dass Autismus nicht als eine Behinderung angesehen wird. Die Wissenschaft ist sich noch gar nicht eins, ob das überhaupt eine Krankheit ist. Dementsprechend bin ich dazu übergegangen, nicht zu sagen: „Ich habe Autismus“, sondern „Ich bin Asperger Autist“. Denn es ist ja ein Teil von mir.

Jetzt mal ganz ehrlich

Man sagt, Autisten seien immer ehrlich. Nein! Sind sie nicht. Aber sie drücken sich in ihrer allgemeinen Kommunikation ehrlicher aus. Andere benutzen unterschwellige Botschaften oder verpacken ihre Aussagen in Ironie. Wir sagen das direkt. In einer Gruppe von Autisten ist das ein klarer Vorteil.

Was mir hilft

Das mit Abstand Wichtigste und Schwierigste überhaupt ist, Selbstwert und Selbstbewusstsein aufzubauen. Es ist deswegen wichtig, weil man sich mit seinem eigenen Sein auseinandersetzt, mit seinen Eigenheiten, die man hat, und auch anfängt, sie zu lieben, anstatt zu sagen: „So bin ich halt.“ Ich habe ja auch einige Fähigkeiten, die ich dadurch habe: ich lerne unfassbar schnell! Deshalb wünsche ich mir von Therapien, dass sowas wie der Aufbau von Selbstbewusstsein und Wertschätzung unterstützt wird. Ich bin ja jetzt gerade erst im Prozess. Aber die beste Therapie ist das tägliche Leben.

Haben wir wirklich alle Spezialinteressen?

Viele Leute glauben, dass wir 24/7 nur für Interessen investieren. Man steckt tatsächlich viel Energie in seine Interessen und vernachlässigt andere Dinge, wie beispielsweise Sozialkontakte oder vernünftig zu essen. Das Problem hatte ich früher auch, aber habe es jetzt gut im Griff. Ich interessiere mich für Lichttechnik, also wie Licht erzeugt wird, speziell die LED-Technik. Und ich interessiere mich für Eisenbahntechnik. Es ist ein Stück weit Ablenkung von dem, was in der Welt um einen herum passiert, und eine Möglichkeit, wieder Kraft zu schöpfen. Aber ich finde nicht, dass Spezialinteressen autismusspezifisch sind. Der eine geht in die Sauna, ich lese was über LED-Technik.

Was ich mir für die Zukunft wünsche

Langfristig erwarte ich, dass sich eine differenziertere Betrachtung in fachlichen Kreisen entwickelt und damit auch eine veränderte Diagnostik, die differenzierter drangeht. Ich wünsche mir, dass die Wissenschaft in Deutschland mehr in die Grundlagenforschung geht. Und ich hoffe, dass Inklusion nicht nur so ein tolles Modewort ist, sondern dass dieses Thema in der Gesellschaft Einzug hält. 

Weitergehende Infos zum Thema finden Sie hier.

2 Kommentare zu “Die beste Therapie ist das tägliche Leben

  1. Claudia Cau

    Der Bericht ist sehr gut geschrieben. Ein wirklich interessantes Thema.
    Vor dem jungen Mann kann man nur Respekt haben! Bemerkenswert, wie er seine Diagnose angenommen hat und mit ihr lebt!

    • Vielen Dank für Dein Kommentar, liebe Claudia Cau. Wir sehen das genauso wie Du. Viele Grüße vom Team Michaelshoven

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