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Tanzen gegen die Vergesslichkeit

Dennis Baharuddin hat kürzlich den zweiten Platz in der Landesmeisterschaft der Amateurliga des TNW (Tanzsportverband Nordrhein-Westfalen) belegt. Als ausgebildeter Tanzlehrer, angehender Tanzsporttrainer und Ausbildungslehrer unterrichtet er jung und alt, vom Anfänger bis hin zum Profi, in Einzel- und auch im Gruppenunterricht. „Tanzen bedeutet mir alles“, sagt der 35-Jährige, der seine Tanzleidenschaft zum Beruf gemacht hat. Eine ganz besondere Tanzstunde findet für ihn jeden Dienstag in der Kölner Senioreneinrichtung Thomas-Müntzer-Haus in Köln-Rodenkirchen statt: der Tanzkurs für Senioren mit Demenz. Hier geht es dem Tanzprofi aber anders als sonst weniger um die Choreografie, als um Emotionen, die die Tänze bei älteren Menschen wecken.

Jeden Dienstag verwandelt sich die Wohnküche im Thomas-Müntzer-Haus in einen Tanzraum. Die Tische sind zur Seite geschoben, und fast 30 Senioren warten im Stuhlkreis darauf, dass es losgeht. Die Tanzstunde ist das mit Abstand beliebteste Freizeitangebot im Pflegeheim. Wenn Dennis Baharuddin den gut besuchten Raum betritt, drehen sich etliche Damen um. „Da ist ja unser Tanzlehrer“, sagt eine 86-jährige Teilnehmerin, die sich schick gemacht hat. Der 35-Jährige bezaubert hier jeden mit seinem Charme und seiner positiven Ausstrahlung. Er begrüßt jeden Bewohner und jede Bewohnerin persönlich und findet für alle passende Worte. Manchmal holt der Tanzprofi auch Teilnehmer persönlich aus dem Zimmer ab, wenn er von den Mitarbeitern darum gebeten wird, weil es ihnen nicht gelungen ist, diese zum Tanzen zu motivieren.

Neue Tanzschritte funktionieren nicht mehr gut

Seit 2011 bietet Dennis Baharuddin Tanzstunden für Senioren mit Demenz in Michaelshoven an. „Vorher hatte ich keine Erfahrungen mit speziellen Kursangeboten für Senioren. Und mit dem Begriff Demenz konnte ich gar nichts anfangen“, erinnert er sich zurück. Er las sich in das Thema ein und nahm die Empfehlung eines Kollegen an, sein Tanzprogramm abzuspecken und langsamer durchzuführen. Vor den ersten Stunden war der ausgebildete Tanzlehrer noch sehr aufgeregt. „Ich dachte, ich bringe den Senioren neue Tanzschritte bei. Relativ schnell wurde mir klar, dass es nicht funktionieren wird“, sagt er.

„Ich dachte, ich bringe den Senioren neue Tanzschritte bei. Relativ schnell wurde mir klar, dass es nicht funktionieren wird“

Dennis Baharuddin

Also änderte er das Konzept und begann die Stunde mit Gruppentänzen. So wie er es auch heute in der Tanzstunde anbietet. Die Senioren nehmen unterstützt von Mitarbeitenden, Ehrenamtlichen und Praktikanten und Praktikantinnen teil. Dann erklingen Melodien aus den Boxen, die vom Schlager über Karnevalsmusik bis hin zu aktuellen Hits reichen. „Mir ist der Rhythmus eines Songs wichtig und Sambamusik funktioniert immer sehr gut. Dann wiederhole ich Musikstücke und Tanzschritte, damit sich die Teilnehmer bei der nächsten Stunde an etwas Gewohntes erinnern können“, erklärt er.

Jeder hat ein Rhythmusgefühl

Die Senioren stehen im Kreis oder sitzen auf ihrem Stuhl, wenn sie nicht mehr stehen können. Ein bekannter ABBA-Song erklingt, und die Stimmung im Raum ändert sich schlagartig. Automatisch bewegt sich jeder auf die Musik, so gut er noch kann. Von gutsitzenden Tanzschritten bis hin zu minimalen Bewegungen, wie ein Fuß, der sich zum Takt bewegt, oder auch der wippende Finger einer Hand, die sich am Rollator festhält. Der ein oder andere singt bei bekannten Melodien auch mit. Dennis Baharuddin steht mittendrin, motiviert immer wieder den ein oder anderen und spricht seine Kursteilnehmer persönlich an. „Jeder hat ein angeborenes Rhythmusgefühl, und ich möchte das hier bei jedem herauskitzeln“, sagt er. Er macht keinen Unterschied zwischen professionellen Tanzstunden und denen in der Senioreneinrichtung. „Sobald ich eine Tanzstunde gebe, bin ich in meinem Element“, sagt er.

„Jeder hat ein angeborenes Rhythmusgefühl, und ich möchte das hier bei jedem herauskitzeln“

Dennis Baharuddin

Tanzen weckt Erinnerungen

Er weiß, dass Tanzen für die älteren Generationen immer wichtig war. Denn die Senioren und Seniorinnen sind häufig mit dem Tanzen großgeworden, haben sich sonntags zum Tanztee verabredet oder im Radio die Schlagersendungen gehört. „Tanzen weckt Erinnerungen, da es im Langzeitgedächtnis abgespeichert ist. Es hilft dabei, nonverbal zu kommunizieren und fördert den Ausdruck von Gefühlen“, sagt Dennis Baharuddin. „Außerdem tut jede Form von Bewegung gut. Ob Menschen mit oder ohne Demenz“, fügt er lachend hinzu.

„Tanzen weckt Erinnerungen, da es im Langzeitgedächtnis abgespeichert ist. Es hilft dabei, nonverbal zu kommunizieren und fördert den Ausdruck von Gefühlen. Außerdem tut jede Form von Bewegung gut. Ob Menschen mit oder ohne Demenz“

Dennis Baharuddin.

Nach einigen Liedern gibt es eine Pause, dann bekommt jeder was zu trinken und Dennis Baharuddin unterhält sich mit den Teilnehmenden. Weiter geht es mit dem Paartanzen, passend zum kölschen Evergreen „Drink doch eine mit“. Wenn Tanzpartner fehlen, wird hier auch mal zu dritt getanzt. „Es wäre schön, wenn wir noch mehr Ehrenamtliche hätten, die bei der Tanzstunde mitmachen“, sagt er, „denn sie soll möglichst vielen Menschen Freude bereiten. Vorkenntnisse sind dabei nicht erforderlich. „Man sollte sich nur auf die Seniorinnen und Senioren einlassen. Um die Tanzschritte kümmere ich mich“, verspricht Dennis Baharuddin.

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