Einblick

“Um gut zu leben, muss ich arbeiten“

Wenn andere noch im Tiefschlaf sind, beginnt für Monireh Jad Haj die Nachtschicht. Seit gut einem Monat arbeitet sie nachts als Lagerarbeiterin für eine große Paketdienstfirma am Flughafen Köln/Bonn. Ihre Schicht beginnt immer um 1.30 Uhr. „Daran gewöhnt man sich sehr schnell, ich schlafe einfach vor“, sagt die lebensfrohe 35-Jährige. Es ist ihr erster Job in Deutschland und darauf ist sie sehr stolz. Die zweifache Mutter begann 2014 ihre Ausbildung zur Fachlageristin beim Kölner Bildungsmodell. „Warum hätte ich zuhause sitzen und mich nur mit Kochen und Putzen beschäftigen sollen? Hier gibt es Möglichkeiten weiterzukommen, und diese Chance habe ich zum Glück genutzt“, sagt sie.

Als Monireh Jad Haj 2008 aus dem Iran nach Deutschland kam, ging sie davon aus, ihr angefangenes Studium in den Bereichen Buchhaltung und Rechnungswesen hier weiterführen zu können. Sie begann hochmotiviert einen Sprachkurs, doch ihre Studienzeit im Iran wurde nicht anerkannt. „Dann war ich sechs Jahre lang ohne Arbeit und kümmerte mich nur um die Kinder und den Haushalt“, erinnert sie sich zurück. Sie fühlte sich nicht integriert und litt unter der fehlenden Selbstverwirklichung. „Aber ohne Zeugnisse, gute Sprachkenntnisse und als Mutter zweier kleiner Kindern, die darüber hinaus damals auch noch ein Kopftuch trug, fand ich einfach keinen passenden Job“, erklärt Monireh Jad Haj.

„Ohne Zeugnisse, gute Sprachkenntnisse und als Mutter zweier kleiner Kinder, die darüber hinaus damals auch noch ein Kopftuch trug, fand ich einfach keinen passenden Job“

Monireh Jad Haj

Die Wende

Die ersten Besuche im Jobcenter Köln blieben ohne Erfolg, bis ihr dann 2014 eine Beraterin eine Teilqualifikation über das Kölner Bildungsmodell empfahl. „Zuerst war ich unsicher, ob meine Sprachkenntnisse auch ausreichen, aber ich wollte es trotzdem ausprobieren.“, sagt die 35-Jährige. Sie entschied sich. Zuerst durchlief sie bei der IHK Köln ein sechswöchiges Profiling, bei dem die Fertigkeiten der Teilnehmer geprüft werden. Sie entschied sich für die Ausbildung zur Fachlageristin im Zentrum Bildung und Beruf Michaelshoven.. „Am Anfang fiel es mir schwer, den Lerninhalt zu verstehen, ich musste ihn erst übersetzen. Aber mein Ausbilder unterstützte mich vom ersten Tag an, weil er an mich glaubte“, berichtet sie sichtlich gerührt. Da ihre beiden Kinder zur Kita und Schule gebracht und wieder abgeholt werden mussten, wurden für sie flexible Schulzeiten festgelegt. „Sonst hätte ich die Ausbildung nicht beginnen können“, sagt sie.

Als sie das erste der fünf Module ihrer Teilqualifizierung mit 98 Prozent besteht, blühte Monireh Jad Hajs Ehrgeiz auf. „Mit jedem Modul hatte ich ein Zeugnis in der Hand, und plötzlich war ich jemand“, sagt sie glücklich. Die notwendigen vier Praktikumsstellen innerhalb der Ausbildung fand sie schnell in großen Kölner Unternehmen. Sie beherrschte die deutsche Sprache immer besser und erhielt für ihre Arbeitsleistungen sehr gute Praktikumszeugnisse. Jetzt endlich gewann die gebürtige Iranerin auch ihr Selbstbewusstsein zurück. „Ich bin so dankbar, dass mir diese Chance gegeben wurde, obwohl meine Deutschkenntnisse zum Ausbildungsbeginn nicht so gut waren. Aber ich wollte einfach das Beste daraus machen“, sagt sie rückblickend.

„Ich bin so dankbar, dass mir diese Chance gegeben wurde, obwohl meine Deutschkenntnisse zum Ausbildungsbeginn nicht so gut waren.

Monireh Jad Haj

Mutige Entscheidung und die erste Festanstellung

Sie schloss ihre Ausbildung zur Fachlageristin als eine der besten Teilnehmer ab. Der nächste Schritt stand dabei für sie schon fest: „Ich wollte schnell einen Job finden und mein eigenes Geld verdienen“. Dafür absolvierte sie neben der Führerschein- auch die Gabelstaplerscheinprüfung, um ihre Chancen auf eine Festanstellung zu erhöhen. Unterstützung erhielt sie von ihrem Jobcoach, der sie während der ganzen Ausbildung stets motivierte, fest an sich zu glauben. „Die ersten Bewerbungen liefen nicht so gut, ich wurde zwar wegen meines sehr guten Abschlusszeugnisses zu vielen Vorstellungsgesprächen eingeladen. Aber aus meiner Sicht schreckte mein Kopftuch viele Arbeitgeber ab“, berichtet sie. Nach mehreren Gesprächen mit der Familie traf sie dann eine mutige Entscheidung und legte ihr Kopftuch ab. Das darauffolgende Bewerbungsgespräch bei einer großen Paketdienstfirma am Flughafen Köln/Bonn verlief positiv, schnell bekam sie eine entsprechende Jobzusage.

Trau dich! Die Chance, deinen eigenen Weg zu gehen ist da. Und es lohnt sich ganz sicher.“

Monireh Jad Haj

Bei ihrem Arbeitgeber fühlt Monireh Jad Haj sich sehr wohl, man respektiert und schätzt sie dort für ihre guten Leistungen. Aber die 35-Jährige hat weiterhin viel vor. „Ich werde im nächsten Jahr wieder einmal die Woche zur Schule gehen, weil ich mich an der IHK zur Lagerfachkraft ausbilden lassen will. Das ist die nächste Stufe“, sagt sie. Angst vor diesem Schritt hat sie keine mehr. „Wenn ich Frauen begegne, die keiner Arbeit nachgehen, sage ich Ihnen: Trau dich! Die Chance, deinen eigenen Weg zu gehen ist da. Und es lohnt sich ganz sicher.“

Träger des Kölner Bildungsmodells

Das Kölner Bildungsmodell wurde vom kommunalen Bündnis für Arbeit ins Leben gerufen und wird durchgeführt von der Handwerkskammer zu Köln, dem Kolping-Bildungswerk Diözesanverband Köln e.V. sowie dem Zentrum Bildung und Beruf Michaelshoven im Auftrag des Jobcenters Köln und der Agentur für Arbeit Köln in Kooperation mit der Industrie- und Handelskammer zu Köln.

Infos zum Kölner Bildungsmodell.

Video zum Kölner Bildungsmodell.

Webseite zum Kölner Bildungsmodell.

0 Kommentare zu ““Um gut zu leben, muss ich arbeiten“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.