Einblick

Wenn die Angst einen lähmt

Es hat ihn mitten aus dem Leben gerissen, ihm den Boden unter den Füßen weg gezogen. Mitten in seinem Jurastudium erkrankt Manuel T. (Name geändert) an einer paranoiden Schizophrenie. Angstzustände lähmen ihn so sehr, dass er nicht mehr das Haus verlassen kann.  Es war die Angst vor der Außenwelt, die Manuel T. abschirmte.

Der Alltag wurde für ihn zum größten Feind. Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln wurden für ihn undenkbar. „Ich hatte immer Angst, während einer Bahnfahrt krank zu werden, oder dass irgendwo ein Anschlag passieren könne“, sagt der 36-Jährige. Alltägliche Dinge wurden für ihn zur Tortur: „Ich dachte, dass die Lebensmittel, die ich im Supermarkt kaufte, vergiftet sind.“ Hinzu kam, dass Manuel T. sich ständig verfolgt fühlte – er befürchtete sogar, dass die Organspende-Mafia es auf ihn abgesehen hatte.

Ein schleichender Prozess

Nichts blieb für Manuel T. so, wie es vorher war. Angst, Panik und Verzweiflung wurden zu seinen ständigen Belgleitern. Dabei deutete in seiner vorherigen Laufbahn nichts auf eine derartige psychische Erkrankung hin. Nach seinem Abitur 2001 absolvierte er seinen Zivildienst sogar in einer Psychiatrie, danach folgte das Jura-Studium. Nach zehn Semestern  musste er die Uni verlassen – zu groß wurden die Ängste: „Es war ein schleichender Prozess. Nach vier Jahren Studium fing es an. Ich hatte schon so viele wichtige Prüfungen hinter mich gebracht. Aber schon ein Jahr später konnte ich dann nicht mehr zur Uni gehen.“  Er begann eine Therapie, danach entschloss er sich für eine Umschulung im Berufsförderungswerk der Diakonie Michaelshoven und machte eine Ausbildung zum Industriemechaniker. Drei Wochen nach Ende der Umschulung dann der Rückschlag: Die Ängste waren zurück, ein normales (Berufs-) Leben zu führen für Manuel T. weiterhin undenkbar. Es folgten Aufenthalte in einer Tagesklinik, dann in einer Tagesstätte.

Der Fairstore – ein neuer Lebensabschnitt

Vor zwei Jahren begann er dann während seiner Therapie ehrenamtlich in einem „fairstore“ der Diakonie Michaelshoven zu arbeiten. Ein Wendepunkt in seinem Leben: „Ich hatte immer noch Angst, in die Bahn zu steigen, aber ich musste mich für den Job ja zusammen reißen“, sagt Manuel T. Zwei Mal pro Woche kam er für jeweils vier Stunden in den fairstore. Heute sagt er: „Die Zeit dort hat mich viel stabiler gemacht. Ich musste mich meinen Ängsten stellen und konnte sie so – zumindest teilweise –  überwinden.“ Hilfreich war zudem, dass die Mitarbeiter im fairstore Verständnis für seine Krankheit aufbrachten: „Es war nicht schlimm, wenn ich mal zu spät kam oder gar nicht fahren konnte – meine Kollegen wussten ja, warum.“

Er fasste neuen Mut, entwickelte Spaß an geregelten Tagesabläufen und der Arbeit. Durch einen Integrationsfachdienst wurde er in ein Kurzeitpraktikum an eine große Supermarktkette vermittelt. Vier Tage konnte er somit Einblicke in die Verwaltung erhalten – und hinterließ Eindruck. Heute arbeitet Manuel T. zehn  Stunden in der Woche in jenem Büro, kümmert sich um Liefererscheine und Rechnungen. Sein Ziel ist es, die Stundenzahl stetig zu steigern, um irgendwann einmal vielleicht wieder ganz normal am Berufsleben teil zu nehmen. Er sagt: „Ohne den fairstore wäre ich heute nicht da, wo ich bin.“

1 Kommentar zu “Wenn die Angst einen lähmt

  1. Ich kenne Manuel T so sehr lange und wir sind durch Höhen und Tiefen gegangen.
    Er ist ein sehr besonderer, liebenswerter und friedfertiger Mensch, ich bin sehr stolz auf ihn
    und glücklich, dass ich seine Mutter bin!

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