Einblick

Flink, flinker Boyarski – Der Azubi mit dem Durchblick

Im REWE-Supermarkt in Köln-Weiden stehen Paletten mit Neuware. Der Auszubildende Michael Boyarski schnappt sich Kartons mit Aufschnitt, flitzt zum Kühlregal am Ende des Ganges und räumt sie dort ein. Danach eilt er zu den Gemüseregalen, die sich im Eingangsbereich befinden, und sortiert die Tomaten, um dann im Anschluss zu einem der vielen Parkplätze außerhalb des Einkaufscenters zu laufen, wo er die von Kunden abgestellten Einkaufswagen wieder in den Laden bringt. „Ich kann 60 aneinander gekettete Einkaufswagen schieben“, sagt er mit verschmitztem Lachen. Dass er all diese Wege auswendig kennt, merkt man vielleicht erst auf den zweiten Blick. Denn Michael Boyarski ist fast blind.

„Manchmal muss ich Michael bremsen und nach Hause schicken“, sagt Holger Bertram, Filialleiter und Ausbilder von Michael Boyarski. Der Azubi ist bei den Kollegen dafür bekannt, dass er ein irres Tempo an den Tag legt. Nicht umsonst trägt er einen Schrittzähler mit sich. „Ich lege an einem Tag  durchschnittlich 40 Kilometer zurück“, sagt der 22-Jährige.

Als der Filialleiter ihn beim  Vorstellungsgespräch im September 2015 kennenlernt, ist für ihn schnell klar, dass Michael Boyarski die freie Ausbildungsstelle zum Einzelhandelskaufmann erhält. „Ich war sofort überzeugt: Er ist einsatzbereit, motiviert, passt sich an, nimmt Feedback an und ist ein lieber Junge. Nur manchmal muss ich sein Tempo drosseln“, sagt er lachend.

Der Azubi trägt seinen Schrittzähler immer mit sich. 40 Kilometer legt er durchschnittlich an einem Tag zurück.

Mit einer Sehkraft von vier Prozent auf dem einen Auge und sechs Prozent auf dem anderen sieht der Azubi wie durch Milchglas. Seine Sehbehinderung stellt allerdings kein Hindernis dar, weder für ihn noch für seinen Ausbilder. „Michael ist nicht der erste Auszubildende mit einer Behinderung, den mir das Berufsförderungswerk Köln vermittelt hat. Und ich habe bisher nur gute Erfahrungen gemacht“, sagt der Ausbildungsleiter.

Schwierige Schulzeit

Bevor er die Zusage für diese Ausbildungsstelle bekam, lief es allerdings nicht immer so rund. Mit zehn Jahren zog er gemeinsam mit seiner Mutter, der Schwester und der Großmutter von seinem Geburtsort Sankt Petersburg nach Dresden. Zwei Jahre später entschied sich die Mutter, nach Bergheim zu ziehen und etwas später dann nach Köln. Er besuchte die Sehbehindertenschule in Köln und erhielt die Empfehlung, auf ein Internat zu wechseln. „Ich wollte meine Familie aber nicht verlassen“, sagt Boyarski. Deswegen ging es erst auf die Realschule und dann auf das Gymnasium, weil er sehr gute Noten hatte.

„Ich hatte eine ziemliche Depriphase“, erinnert er sich.

Seine Mitschüler grenzten ihn dort allerdings aus. „Sie fanden, dass ich von den Lehrern bevorzugt werde“, erinnert er sich. Denn aufgrund seiner Sehbehinderung erhielt er mehr Zeit für Prüfungen, großformatigere Unterlagen und ein Bewertungssystem, das an seine Behinderung angepasst war. Auch seine beschränkte Teilnahme am Sportunterricht führte dazu, dass er keinen Anschluss fand. In der zwölften Klasse ging er deshalb von der Schule ab. „Ich hatte dann eine ziemliche Depriphase“, erinnert er sich.

Selbstbewusst und mutig

Der technikaffine 21-Jährige konnte sich eine Ausbildung im Elektronikfachhandel vorstellen. Über 200 Bewerbungen schickte er raus. „Problem war nur, dass dort fast nur mit PCs gearbeitet wird und das mit meiner Sehkraft schwierig war“, erklärt er. Er erhielt keine Zusage. Dann schlug ihm die Agentur für Arbeit die Maßnahme „Aktion 100“ vor, die sich speziell an Jugendliche und junge Erwachsene mit einer Behinderung richtet, die noch keine Ausbildung absolviert haben.

Im Berufsförderungswerk Köln lernte Boyarski seine heutige Betreuerin Claudia Regina kennen, die ihn bei seiner betrieblichen Qualifizierung von Anfang an begleitet hat. Sie ging mit ihrem Schützling zum Vorstellungsgespräch in den REWE-Markt. „Ich war sehr aufgeregt. Frau Regina hat mich aber beruhigt und gesagt, dass Herr Bertram total nett sei“, sagt er mit einem Lächeln. Nach dem erfolgreichen Gespräch und einem Probetag war ihm klar, dass er die Ausbildungsstelle unbedingt wollte.

Der Azubi kennt sich in seinem Supermarkt sehr gut aus. Wenn er Hilfe braucht, sind seine Kollegen für ihn da.

Heute nach fast einem Jahr merkt ihm keiner seine Verunsicherung und Selbstzweifel an, mit denen er vor seinem Ausbildungsstart zu kämpfen hatte. Der Umgang mit seinem Ausbilder, den Kollegen und den Kunden hat sein Selbstbewusstsein gestärkt. Er spricht vier Sprachen fließend, so kann er sich auch mit Kunden, die schlecht deutsch verstehen, verständigen. Und wenn er eine Ware falsch platziert, dann räumen seine Kollegen sie an den richtigen Platz.

Glücksmomente

Mit dem gewachsenen Selbstbewusstsein wollte er sich neuen Herausforderungen stellen und suchte sich außergewöhnliche Hobbies aus. Den Segelflugschein hat er fast absolviert. „Ich darf natürlich nur mit einem erfahrenen Piloten fliegen“, sagt er. Außerdem macht er gerade den Fallschirmschein. Es ist anstrengend und nichts für schwache Nerven, so beschreibt er das Falschschirmspringen. Ein besonderer Glücksmoment war für ihn, als er das erste Mal aus 6000 Metern gesprungen ist. „Das macht richtig Spaß“, sagt er strahlend. Es kann ihm halt nicht schnell genug sein.

Durch seine Ausbildung schöpft der 22-Jährige viel Mut und ist selbstbewusster geworden.

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